Warum europäische Unternehmen immer noch verstärkt auf amerikanische Cloud-Infrastruktur setzen
Immer mehr Europäer wechseln zu europäischen Alternativen und stellen dabei fest, dass zahlreiche Unternehmen im Hintergrund weiterhin auf Big Tech setzen. Doch das ändert sich endlich.
Ausgelöst wurde dies nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch eine Häufung von Faktoren: die Rückkehr einer aggressiven amerikanischen Handelspolitik, wachsende Unsicherheit über langjährige Bündnisse und ein tiefes Unbehagen darüber, in welchem Ausmaß die europäische digitale Infrastruktur von Unternehmen abhängt, die in einem Land ansässig sind, dessen strategische Prioritäten sich sichtbar verschieben.
Für viele europäische Organisationen hörte die Frage, wo ihre Daten gespeichert sind und wer ihre digitalen Abläufe kontrolliert, auf, eine theoretische zu sein.
Um zu verstehen, wie wir hierher gekommen sind, muss man zunächst verstehen, wie diese Abhängigkeit überhaupt entstanden ist.
Wie die Abhängigkeit entstanden ist
Der Ausgangspunkt: Wenn ein Gründer ein Unternehmen in Lissabon, Stockholm, Paris oder Berlin auf den Weg bringt, ist die Infrastrukturentscheidung, vor der er steht, fast ausschließlich eine finanzielle Entscheidung, die als technische getarnt ist.
AWS Activate, Google for Startups und Microsoft Founders Hub bieten Frühphasenunternehmen Hunderttausende von Euro an Cloud-Credits an, dazu Kontakte zu Risikokapitalnetzwerken und den Zugang zu Ingenieuren, die diese Plattformen in- und auswendig kennen. Für ein Unternehmen mit sechs Monaten Liquidität ist das keine Anbieterpräferenz. Es ist schlichte Mathematik.
Europäische Alternativen existieren und sind glaubwürdig. OVH, Hetzner und Scaleway haben eigene Startup-Programme. Doch der Größenunterschied ist real. Die amerikanischen Programme verbinden Credits mit Zugang zu Ökosystemen, Investorenvorstellungen und technischem Support, den europäische Anbieter auf dem gleichen Niveau bislang nicht bieten können.
Die Falle: Die Schwierigkeit zeigt sich zwei oder drei Jahre später. Das Start-up ist gewachsen. Ingenieure wurden eingestellt, die diese Plattformen tief kennen. Datenpipelines, Authentifizierungssysteme und maschinelle Lernprozesse sind alle auf proprietären Managed Services aufgebaut. Wenn die monatliche Rechnung erst einmal in den fünfstelligen Bereich gestiegen ist, ist ein Wechsel zu einer europäischen Alternative keine ideologische Frage mehr. Es ist eine Kalkulation aus Ingenieursstunden und Migrationsrisiken, die konsequent gegenüber dem Aufbau neuer Produkte den Kürzeren zieht.
Die kostenlosen Credits schufen Abhängigkeit, bevor das Unternehmen groß genug war, um sie zu hinterfragen. Der Talentmarkt verstärkte diese Abhängigkeit weiter.
Das Talentproblem
Die US-Falle: Cloud-Zertifizierungen von AWS, Azure und Google sind europaweit zur beruflichen Grundlage für Infrastrukturrollen geworden. Personalverantwortliche filtern danach. Gehaltsbänder orientieren sich daran. Ingenieure erwerben sie, weil dort die Karrieresignale liegen.
Europäische Anbieter haben noch kein Zertifizierungsökosystem aufgebaut, das der breitere Markt anerkennt und wertschätzt. Das bedeutet, dass Unternehmen standardmäßig auf die Plattformen zurückgreifen, auf denen das verfügbare Talent bereits zu Hause ist.
Unternehmen stellen aus dem verfügbaren Talentpool ein. Ingenieure schulen sich für die Plattformen, die der Markt honoriert. Ausbildungsbudgets fließen in amerikanische Zertifizierungen. Europäische Anbieter bleiben technisch glaubwürdig, aber beruflich peripher. Der Kreislauf wiederholt sich.
Ihn zu durchbrechen erfordert mehr als den Aufbau besserer Server. Es erfordert den Aufbau eines alternativen Zertifizierungsökosystems, das der Markt tatsächlich anerkennt. Das ist eine weitaus langsamere und schwierigere Aufgabe.
Was "Datensouveränität" wirklich bedeutet
Das häufige Missverständnis: Viele Unternehmen glauben, die Souveränitätsfrage durch die Auswahl von EU-Regionen bei AWS oder Azure gelöst zu haben. Für DSGVO-Anforderungen an die Datenspeicherung und grundlegende regulatorische Prüfzwecke stimmt das oft. Die Daten überschreiten im normalen Betrieb keine Grenzen.
Die unbequeme Wahrheit: Gemäß dem US CLOUD Act von 2018 können amerikanische Behörden US-amerikanische Unternehmen dazu zwingen, Daten herauszugeben, die überall auf der Welt gespeichert sind, auch in europäischen Rechenzentren. Die Rechtshoheit folgt dem Unternehmenssitz, nicht dem Standort der Hardware.
Eine datenschutzorientierte Anwendung, die auf amerikanischer Cloud-Infrastruktur aufgebaut ist, unterliegt, unabhängig von ihrer DSGVO-Konformität, einem Rechtsrahmen, in dem eine fremde Regierung den Zugang zu ihren Daten erzwingen kann. Standardvertragsklauseln schaffen vertragliche Verpflichtungen, sind aber Instrumente des Privatrechts und keine Schranken gegenüber hoheitlicher Rechtsautorität.
Das tiefere Problem ist architektonischer Natur. Selbst ein Unternehmen, das vollständig DSGVO-konform agiert und seine Daten in Frankfurt speichert, ist für seinen laufenden Betrieb vom Anbieter abhängig. Der Anbieter kontrolliert die Kontrollebene. Softwareupdates stammen aus den USA. Kritische Plattformentscheidungen werden von Organisationen getroffen, deren Verpflichtungen zunächst ihren eigenen Aktionären und, wenn gesetzlich gefordert, ihrer eigenen Regierung gelten.
Für den größten Teil des letzten Jahrzehnts akzeptierten europäische Unternehmen dies, weil das politische Verhältnis es wie eine handhabbare Abstraktion wirken ließ. Dieses Gefühl der Sicherheit wird nun neu bewertet.
Die geopolitische Neubewertung
Die neue Variable: Die aktuelle politische Ausrichtung der Vereinigten Staaten hat ein Risiko in die europäische Infrastrukturplanung eingebracht, das zuvor nicht ernsthaft bedacht wurde. Wenn strategische Allianzen stabil erscheinen, ist die Abhängigkeit von amerikanischen Plattformen eine Frage der Kostenoptimierung. Wenn sie es nicht tun, wird sie zur Frage der Betriebskontinuität.
Die Befürchtung ist nicht in erster Linie, dass ein amerikanischer Cloud-Anbieter seinen europäischen Kunden morgen willkürlich den Dienst kündigen würde. Sie ist subtiler. Amerikanische Technologieunternehmen operieren nach amerikanischem Recht, reagieren auf amerikanischen politischen Druck und treffen strategische Entscheidungen auf der Grundlage amerikanischer Interessen.
In einem Umfeld, in dem die USA ihre Bereitschaft gezeigt haben, wirtschaftliche und technologische Beziehungen als Verhandlungshebel einzusetzen, ist die europäische Abhängigkeit von amerikanischer digitaler Infrastruktur ein Druckpunkt, der unabhängig davon besteht, ob er je genutzt wird. Der europäische Energiesektor baute über Jahre eine Abhängigkeit von einem einzigen externen Lieferanten auf und musste erkennen, was das bedeutet, wenn sich das politische Verhältnis ändert. Europäische Unternehmensführer, die auf ihre Cloud-Anbieterlisten blicken, ziehen denselben Vergleich.
Bereits im Wandel: Der Schritt der französischen Regierung weg von Microsoft Teams ist kein Einzelfall. Er spiegelt ein breiteres Muster von Organisationen des öffentlichen Sektors wider, die Arrangements überdenken, die zuvor als selbstverständlich galten. Jede dieser Entscheidungen, in großem Maßstab über den öffentlichen Sektor getroffen, schafft eine installierte Basis für europäische Anbieter, was tiefere Serviceinvestitionen rechtfertigt, was ihre Wettbewerbsposition für private Kunden verbessert.
Ein Wendepunkt zeichnet sich ab
Das Nachfragesignal hat sich verändert: Nutzer beginnen zu interessieren, wo ihre Daten verarbeitet werden. Europäische Verbraucher und Unternehmen, insbesondere in Branchen mit erhöhter Datenschutzsensibilität, fragen zunehmend, welche Rechtsordnung die Infrastruktur hinter den genutzten Diensten regelt. Das erzeugt einen kommerziellen Druck, der zuvor in dieser Intensität nicht existierte.
Europäisches Risikokapital und öffentliche Fördermechanismen lenken Kapital gezielt in souveräne Infrastruktur. Der Europäische Innovationsrat und nationale Förderbanken haben erkannt, dass die Marktlücke selbst eine strategische Chance darstellt. Je mehr Unternehmen wechseln, desto mehr Open-Source-Werkzeuge und Community-Wissen fließen in europäische Plattformen. Je mehr Ingenieure ihre Karriere auf europäischer Infrastruktur aufbauen, desto größer wird der Talentpool, der es dem nächsten Unternehmen leichter macht, nachzufolgen.
Netzwerkeffekte haben die Abhängigkeit über zwei Jahrzehnte aufgebaut. Sie können, langsam, auch Alternativen aufbauen.
Eine ehrliche Einschätzung
Europäische Unternehmen betreiben ihre Systeme nicht auf amerikanischer Infrastruktur, weil ihnen Souveränität gleichgültig ist. Sie tun es, weil wirtschaftliche Anreize, Talentmärkte und Ökosystemdichte bei jedem Entscheidungspunkt den Weg des geringsten Widerstands geebnet haben.
Diese strukturellen Kräfte sind nicht verschwunden. Aber sie stehen nun in Konkurrenz zu etwas Neuem: echten strategischen Bedenken auf Ebene von Regierungen, Unternehmen und einzelnen Nutzern über die Risiken digitaler Abhängigkeit von einem Partner, dessen Verlässlichkeit weniger sicher wirkt als einst.
Die Lücke schließt sich. Langsam und ungleichmäßig, aber sie schließt sich.
Die Abhängigkeit wurde über zwanzig Jahre aufgebaut, in denen strukturelle Anreize in eine Richtung wiesen. Die Bedingungen für eine Umkehr sind so gut wie nie zuvor. Das Fenster ist geöffnet.